Genderpolitik

Gut für Männer und Frauen

Genderpolitik

Gut für Männer und Frauen

Interview mit Ute Brutzki vom Bereich Genderpolitik bei ver.di zur Digitalisierung der Arbeitswelt

Die Arbeitswelt wandelt sich unter dem Einfluss der beschleunigten Digitalisierung in allen Branchen. Arbeitnehmervertretungen und ver.di setzen sich für gute Arbeit ein und wollen dem Sog der permanenten Erreichbarkeit entgegenwirken. Ute Brutzki vom Bereich Genderpolitik bei ver.di im Interview für ver.di Publik.

Portrait Ute Brutzki ver.di, Renate Koßmann Ute Brutzki

ver.di publik: Natürlich wünschen sich alle, Männer wie Frauen, Gute Arbeit. Spielt der Genderaspekt dabei überhaupt eine Rolle?

Ute Brutzki: Ja, denn Gender Mainstreaming meint, dass überall in der Gesellschaft, auch bei der Arbeit, unter-schiedliche Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig berück-sichtigt werden. Eine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt es nicht; was gute Arbeit ist, kann für Frauen und Männer unterschiedlich sein. Aus der Sicht von ver.di ist Genderpolitik daher wichtig.

ver.di publik: Wie sieht gendergerechte Gute Arbeit in einer Arbeitswelt aus, die sich durch die Digitalisierung permanent verändert?

Ute Brutzki: Es geht vor allem darum, die Chancen zu nutzen, die in vielen Veränderungsprozessen stecken, für Männer wie Frauen. Ein Beispiel aus dem Gesundheitswesen: Die automatische Pflegedokumentation, die in einigen Kliniken zurzeit schon in Probeläufen gemacht wird, verringert die Verwaltungsaufgaben für das Krankenpflegepersonal, und das betrifft meist Frauen. Wenn die Beschäftigten die so eingesparte Zeit für ihre eigentlichen Pflegeaufgaben nutzen können, ist der Effekt durch die Technisierung positiv. Von selbst passiert das aber nicht; hier müssen sich Mitarbeitervertretungen, Betriebs- und Personalräte mit den Belegschaften gemeinsam für die sinnvolle Nutzung frei werdender Zeitressourcen einsetzen und verhindern, dass die Arbeit immer mehr verdichtet wird.

ver.di publik: Wie können Verbesserungen erreicht werden?

Ute Brutzki: Im Gesundheitswesen, aber auch auf anderen Gebieten, hängt vieles davon ab, ob und wie Chancen für gute Arbeit genutzt werden. In der inzwischen für alle Betriebe im Arbeitsschutzgesetz vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung zum Arbeits- und Gesundheitsschutz ist auch eine gendersensible Vorgehensweise festgelegt. In der Praxis wird diese Regelung jedoch noch viel zu selten angewendet. Das muss sich ändern. Der aktuelle DGB-Index Gute Arbeit belegt, wie wichtig vielen Befragten der Arbeits- und Gesundheitsschutz ist. Vor allem die psychische Belastung nimmt bei vielen Beschäftigten enorm zu. Wegen fehlender Vertretungskräfte können es sich außerdem immer mehr Beschäftigte inzwischen nicht mehr leisten, krank zu sein. Sie gehen krank zur Arbeit. Das gilt besonders für Bereiche, in denen viele Frauen arbeiten, wie Handel und Pflege.

ver.di publik: Werden durch die Digitalisierung vor allem Arbeitsplätze von Frauen wegrationalisiert?

Ute Brutzki: Sicher ist, dass sich durch die Digitalisierung enorm viele Arbeitsplätze verändern und manche auch wegfallen werden. Doch Frauen müssen in diesem Prozess keineswegs die Verliererinnen sein. Für viele neue oder sich wandelnde Arbeitsbereiche der Zukunft bringen gerade sie wichtige Fähigkeiten mit, etwa die Fähigkeit zu Teamarbeit und Mobilität. Auch Führungsaufgaben werden sich zunehmend wandeln und künftig viel stärker kooperativ ausgeübt werden als in der Vergangenheit. Das ist vor allem in den akademischen MINT-Berufen der Fall, dazu gehören die Bereiche Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften und Technik. ver.di will gemeinsam mit Arbeitnehmervertretungen auch die Chancen und Potenziale der nichtakademischen weiblichen MINT-Beschäftigten stärken.

Die Beschäftigten – ob Frauen oder Männer – müssen lernen, mit neuen Arbeitszeitmodellen umzugehen, ohne in den Sog der permanenten Erreichbarkeit zu geraten.

Ute Brutzki, Leiterin des Bereichs Genderpolitik in der ver.di-Bundesverwaltung

ver.di publik: Frauen sind oft durch einen hohen Anteil an unbezahlten Erziehungs- und Pflegeaufgaben neben der Erwerbsarbeit zusätzlich belastet. Bereitet die schon häufig geforderte ständige Erreichbarkeit im Beruf durch Handy und Co. gerade ihnen noch mehr Probleme?

Ute Brutzki: Auch hier geht es darum, den Rahmen zu gestalten. Die zunehmende Flexibilisierung von Arbeitszeit kann dann auch eine Chance sein – gerade für Frauen. Entscheidend ist die tarifvertragliche Festlegung von Ruhezeiten. Der freie Sonntag, der geschützte Feierabend, der Urlaub und, wenn nötig, auch Krankheitszeiten müssen ernstgenommen werden. Auch die Beschäftigten selbst – ob Frauen oder Männer – müssen lernen, mit neuen Arbeitszeitmodellen umzugehen, ohne in den Sog der permanenten Erreichbarkeit zu geraten. ver.di bietet dazu Schulungen an.

ver.di publik: Die Fachtagung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und der ver.di-Bereiche Genderpolitik und Gute Arbeit zum Thema gendergerechte Gute Arbeit war mit fast 988 teilnehmenden Betriebs- und Personalrät/innen mehr als ausgebucht. Welche Impulse hat die Veranstaltung
gegeben?

Ute Brutzki: Die Herausforderungen für die Interessenvertretungen stehen jetzt auf der Agenda vieler Aktiver und müssen immer wieder in die Diskussion gebracht werden – ob es nun um die Arbeitszeitgestaltung geht, die Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Kindererziehung, um die klassische interaktive Arbeit von Mensch zu Mensch oder um die Veränderungen durch die Digitalisierung, um Entgeltgleichheit oder Frauen in Führungspositionen. Mit dem Thema einer gendergerechten Gestaltung von guter Arbeit ist ver.di zukunftsweisend.

Das Interview führte Gudrun Giese, den kompletten Text gibt es auf der rechten Seite auch als kompaktes PDF zum Download.

Hier geht es zur Dokumentation der Fachtagung "Gute Arbeit – gendergerecht gestalten" von ver.di und FES.