Genderpolitik

Gender: Von Anfang an bei ver.di verankert

Genderpolitik

Gender: Von Anfang an bei ver.di verankert

Ute Brutzki, Leiterin des Bereichs Genderpolitik von ver.di, im Interview

Auf Initiative von Frauen in der IT- und TK-Branche, die in der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di organisiert sind, informiert der Frauen-Newsletter regelmäßig über frauenpolitische Themen. (Quelle: Frauen-Newsletter vom 17.12.2015)

Portrait Ute Brutzki ver.di, Renate Koßmann Ute Brutzki

Liebe Ute, du leitest den Bereich Genderpolitik der Gesamtorganisation ver.di, was sind die Schwerpunkte Deiner Arbeit?

Zu allererst: Das Thema Gender ist schon seit ver.di-Gründung im Jahr 2001 in der Satzung verankert - also ein Thema, welches eine hohe Priorität genießt. Es geht darum Genderpolitik in ihren verschiedensten Handlungsfeldern politisch aus- und mitzugestalten. Wir lassen uns an den Ergebnissen unserer Arbeit messen.

Die Schwerpunkte sind derzeit vor allem:

  • Digitalisierung in Verbindung mit Gender
  • Arbeitszeit mit Schwerpunkt auf partnerschaftlicher Vereinbarkeit für junge Väter und Mütter
  • Gefährdungsbeurteilungen gendergerecht durchführen
  • Arbeits- und Gesundheitsschutz
  • Gender und Diversity in ver.di

Ausschlaggebend ist, dass Genderpolitik mit ihren verschiedenen Facetten und Themengebieten bei unseren Interessenvertretungen Aufmerksamkeit erlangt. Wir bieten dazu unter anderem bundesweite Fachtagungen, themenspezifische Gender-Fachdialoge und auch Trainings für Multiplikator_innen an.

Stichwort Digitalisierung: Braucht es da einen besonderen Blick auf Frauen? Muss die Arbeitswelt 4.0 gendergerecht gestaltet werden?

Auf jeden Fall! Wie gesagt ist das ja ein Thema, das gerade im Fokus steht. Erst vor kurzem führten wir eine Fachtagung dazu durch.

Es gibt deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen und diese müssen natürlich Beachtung finden. Die Frage, die sich hierbei stellt, ist jedoch - neben der Frage, ob Frauen ausgeschlossen werden durch das Voranschreiten der Digitalisierung und die Veränderung der Arbeitswelt -, wie gerade auch Frauen die vielen neuen Möglichkeiten, die sich dadurch bieten, nutzen können.

Wirkt sich Digitalisierung denn auf Frauen(berufe) anders aus als auf Männer(berufe)?

Digitalisierung an sich trifft nach aktuellen Prognosen fast alle Beschäftigten. Für einige Menschen wird sich beruflich mehr verändern oder verändert sich bereits, als für andere. Wichtiger ist die Betrachtung der einzelnen ver.di-Branchen, die Auswirkungen finden dort sehr unterschiedlich und zeitversetzt statt.

Nehmen wir als Beispiel die beiden "typischen" Frauenbranchen Handel und Pflege:

Ein aktuelles Beispiel: Die Pflegedokumentation zu automatisieren bietet die tolle Chance die ersparten Zeiten für die Kernaufgabe, die Pflege selbst, frei zu haben. Die Voraussetzung ist natürlich, dass die Unternehmen das dann auch zulassen und die ersparte Zeit nicht nutzen um Arbeitsplätze einzusparen.

Im Handel sind die Veränderungsprozesse und die Auswirkungen, die die Digitalisierung der Arbeitswelt mit sich bringen, überall sichtbar.

Wichtig ist aber auch zu betrachten: Wo entstehen neue Arbeitsplätze, neue Chancen? Hier sind wir als ver.di aktiv, für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen, die gendergerecht gestaltet werden.

Hat digitales Arbeiten Auswirkungen auf die Rollenbilder?

Die typischen Rollenbilder passen nicht mehr und die Lebensmodelle für Männer und Frauen werden vielfältiger.

Zwei Beispiele:

Immer mehr Frauen ergreifen Berufe in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen (sogenannte MINT-Berufe) und mildern den Fachkräftebedarf; immer mehr Männer entscheiden sich dafür Elternzeit zu nutzen - und immer öfter nicht nur 2 Monate, sondern durchaus länger. Mittlerweile haben sich auch Unternehmen daran gewöhnt - viele begrüßen und fördern junge Väter, die sich für eine Elternzeit entscheiden.

Sollte Digitalisierung aus Frauensicht begleitet werden? Wenn ja, wie?

Die Zahl der Frauen, die in den MINT-Berufen arbeiten, wird ja stetig größer, gerade auch in den nichtakademischen MINT-Berufen. Unternehmen haben das hohe Potential erkannt und Frauen sollten das nutzen!

Hierfür ist es aber auch nötig, dass Interessenvertretungen für diese neuen "Role Models" in den Betrieben und Verwaltungen gute Arbeit gendergerecht gestalten.

Auch das Verständnis von "Führung" ändert sich und muss neu definiert werden. Es geht weg von der typischen Hierarchie hin zum Team. Führung muss in der digital vernetzten globalen Welt als Teamaufgabe verstanden werden. Aus verschiedenen Studien wird ersichtlich, dass Frauen diese Führungskompetenzen mitbringen. Das sollten Frauen in vernetzten Strukturen nutzen.

Welche Chancen und Risiken siehst Du generell in der Digitalisierung?

Ich sehe Beschäftigte mit einem System der permanenten Bewährung konfrontiert. Dies erfordert Auszeiten und eine klare Abgrenzung - Urlaub muss Urlaub sein; wenn man krank ist, ist man krank; den freien Sonntag. Denn die Warnzeichen aus dem Index Gute Arbeit stehen längst auf rot bei den Top-Themen von Betriebsräten: Gesundheit und Stress.

Die Digitalisierung wird Auswirkungen auf Frauen und Männer im Erwerbsleben haben, deshalb ist eine gendergerechte Mitgestaltung der Arbeitsbedingungen und Arbeitszeiten besonders wichtig. Digitalisierung führt zu einer Entgrenzung von Arbeitszeit, -raum und -ort - hier entstehen zentrale neue Handlungsfelder für Gewerkschaften.

Wenn es jedoch gelingt die neuen Räume für die Beschäftigten zu nutzen, Arbeitszeit zum Beispiel umzuverteilen, entstehen auch Chancen aus der Digitalisierung.

Herzlichen Dank liebe Ute, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast!